Solche Tage

Beim Start schließe ich wie immer die Augen. Neben mir riecht ein dicker Mann durchdringend nach einem sehr, sehr holzigen Eau de Toilette. Die Armlehne zwischen uns schneidet tief in sein Fleisch, und ich rücke so weit wie möglich nach außen, damit er mich nicht berührt.

Ich gähne. Es ist 20.00 Uhr, ich bin früh um halb fünf aufgestanden, und meine Augen sind trocken und schmerzen. Draußen ist die Nacht so schwarz, als sei die Welt schon vorbei, und ich will so sehr heim, will mich zusammenrollen in meinem Bett und mir die Decke bis über die Schultern ziehen und endlich schlafen.

Solche Tage dürften nicht abgezogen werden von der abgemessen Zeit, denkt es in mir und ich lächele sofort über diesen kindischen Groll. Es ist okay, denke ich dann. Es gibt doch noch Wasser. Es gibt grünes Gras und Erde, irgendwo rauscht das Meer und bricht sich an Steinen, und ich fliege durch die Nacht, als sei das nichts und ganz selbstverständlich, und der Himmel kein Geschenk, sondern nur ein leerer, kalter Raum zwischen Berlin und Stuttgart.

Seid nett zu Müttern.

Oh, Ihr Männer von Berlin: Sie am Biobrotstand am Arnswalder Platz mit der blauen Barbour-Steppjacke und dem kleinen Mädchen auf den Schultern. Sie in der M 10 Richtung Kreuzberg  mit der Sporttasche und dem großen, weißen, flauschigen Hund. Sie auf dem Spielplatz im Volkspark letzten Samstag in Dufflecoat und Cordhosen mit den Zwillingen auf den Puky-Rädern, und besonders Sie mit Brille und blauer Badehose heute nachmittag im Kinderbecken der Europaschwimmhalle. Sie möchte ich etwas fragen: Warum lächeln Sie uns eigentlich nie an?

Ich, meine Herren, spreche ganz bewusst von „uns“. Keineswegs will ich damit nur von meinen eigenen Wünschen ablenken. Nein, ich habe Sie beobachtet: Sie lächeln nicht nur mich nicht an. Sie lächeln überhaupt nicht. Entweder starren Sie auf Ihr iPhone, als würde am großen Klettergerüst da hinten erhängt, wer das für fünf Minuten einmal sein lässt. Oder Sie starren abwechselnd glasig ins Nichts und auf Ihre Kinder, als ob Sie nicht wüssten, dass nirgendwo mehr als auf Spielplätzen gilt: Andere Kinder haben auch schöne Mütter.

Natürlich wissen Sie so gut wie ich, dass auf ein Lächeln vielleicht ein paar nette Worte folgen, aus ein paar netten Worten aber keineswegs eine Telephonnummer, ein Treffen oder ein ganzer Abend werden wird. Da ist, wie man so sagt, der biographische Moment schlicht nicht ganz richtig. Vor fünf Jahren vielleicht, nun, und ich manchen Fällen auch in weiteren fünf. Doch auch vor fünf, zehn, 15 Jahren wurde, wie man so sagt, meist nichts draus, und Sie haben doch auch damals …?

Ich jedenfalls kann nur an Sie appellieren: Lächeln Sie. Zwinkern Sie, wenn Sie gern zwinkern. Machen Sie, wenn man sich so ein bisschen kennt, auch einmal ein paar Komplimente. Schöne Augen, Kleider, was auch immer. Was Ihnen halt so auffällt. Seien Sie dabei sicher, dass Sie ein gutes Werk von Graden tun, denn wer, frage ich Sie, bedürfte mehr ein paar netter Gesten als die jungen Mütter in ihrer praktischen Spielplatzkleidung, die heute Abend – ganz wie Sie auch – in Jeans und einem alten T-Shirt auf dem Sofa sitzen werden, und gar zu selten einmal ausgehen können, um sich andernorts ein paar Komplimente abzuholen, ohne die es, halten zu Gnaden, doch leider so schrecklich schlecht geht.

Laterne, Laterne

Entschuldigung, ringe ich nach Luft und schiele auf die Uhr. Es ist 15.17 Uhr, und ich habe die Strecke vom Büro zur Kita in 7 Minuten geschafft. Persönlicher Rekord. „Hier ist noch Platz!“, rudert eine andere Mutter mir zu, und ich lasse mich auf eins der Stühlchen fallen. Ein Laternenboden und ein Deckel wird mir zugereicht, in Bechern stehen Scheren, Kleber in Schüsseln und dann geht es los. Transparentes Papier, Tonkarton, irgendwelches Bastelzeug. Den Laternenstab habe ich schon, die sind nämlich heute batteriebetrieben und aus Plastik. Zumindest bei den Kleinen.

Vorsichtig schiele ich nach rechts und links. Mit heiligem Ernst bekleben ausschließlich Frauen zwischen 30 und 45 Papier mit farbigen Förmchen, halten Scherenschnitte gegens Licht und fingern in kleinen Tütchen nach Sternen aus Stanniol. Manche lassen die Böden und Deckel auch ganz beiseite und gestalten frei. Man bastelt auf hohem Niveau. Leicht betreten schaue ich die künftige Laterne des F. an.

Macht nichts, rede ich mir ein, als die anderen Kürbisse, Schnecken und Fledermäuse ausschneiden und Laternen herstellen, die genau richtig selbstgemacht wirken und nicht nur wie eilig hingehauen. Der F. wird’s nicht merken. Der F. ist erst eins, und allein der Umstand, dass Mama überhaupt mit ihm und ganz vielen anderen Kindern und Müttern durch den abendlichen Prenzlberg zieht, reicht wahrscheinlich aus, aus einem normalen Tag einen tollen Tag zu machen, an dem man noch viel mehr als sonst lacht und tanzt und Leute umarmt.

Meine Laterne sehe „pragmatisch“ aus, sagt am Ende eine andere Mutter und ich stelle das leicht zerknitterte und insgesamt auch eher sparsam beklebte Machwerk leicht betreten behutsam in eine Ecke. Eine Bastelmutter werde ich wohl nicht, resümiere ich und überlege schon mal, ab wann man ohne Gesichtsverlust auf gekaufte Produkte umsteigen kann. Dann aber hole ich den F. aus dem Garten, breite die Arme weit, weit aus, und wirbele den kleinen Kerl durch die warme Oktoberluft und laufe nach Hause. Ich muss noch arbeiten. Der Tag ist noch nicht vorbei.

Morgens um neun

Jetzt absteigen, raschelt unter meinen Rädern das Laub. Jetzt das Rad an den Zaun stellen, die Pumps in den Fahrradkorb werfen, fort mit der Strumpfhose und mit nackten Füßen in Berge von Blättern und über das Gras. In der Sonne sitzen: Schwarze Schatten und goldenes Licht.

Heute Abend ein Wein, denke ich mir und schätze die Stunden. Flammkuchen, wollene Socken, Bücher und das tanzende, singende Kind. Meine schnurrende Katze. Jetzt aber steige ich auf und nehme nichts mit durch den Tag als eine einzige runde, warme Kastanie.

 

Fatum

Er habe, sagt der J.2, jüngst die V. wiedergetroffen, und ich nicke. Mit der V. sind wir einst – lang, lang ist’s her – gemeinsam zur Schule gegangen, irgendwann in den Neunzigern in einer ziemlich kleinen Stadt. „Was macht sie jetzt?“, frage ich den J.2, und dann jagen wir unsere Kinder von zwei großen, gefährlichen Hunden weg und sprechen zehn Minuten überhaupt nicht.

„Gar nichts.“, sagt der J. ein wenig atemlos, als die Kinder wieder brav geradeaus laufen, und ich nicke. Ich habe nichts anderes erwartet, bedeutet das. Die V. war nämlich schon immer vorwiegend im Nichtstun ganz besonders gut, und alles andere konnte sie eher so lala. Mathe etwa. Oder Latein. Und Deutsch, ach: Eigentlich alles. Nur in Sport war sie passabel.

So ziemlich jeder mochte, glaube ich, damals die V. Besonders die Jungen. Die V. war nämlich nicht nur hübsch, also so auf eine geschmackvolle hellbraun-pagenkopfhafte Weise. Sie galt auch als sanft, als still, als freundlich und als gute Zuhörerin, und so saß sie auf jeder Party irgendwo herum, die irgendjemand im Jahrgang gab, und lächelte ruhig und etwas somnambul vor sich hin. Ich sehe sie vor mir auf unserem Abiball in einem elfenbeinfarbenen Kleid mit Perlenstickerei am Hals, wie sie den ganzen Abend mit dem M. tanzte, der heute in den USA über die Gewerkschaftsbewegung in den Zwanzigern forscht. Sie strahlte den ganzen Abend und am Samstag drauf zog sie nach München, weil da der M. damals studierte.

Ich mochte die V. nicht so besonders, und zwar aus schierem Neid. Ich hätte mir nämlich damals ohne groß zu überlegen den kleinen Finger abgehackt, um einen ähnlichen Popularitätsgrad zu erlangen, wie ihn die V. einfach so und ohne irgendetwas dafür zu tun besaß. Ich dagegen hatte so ungefähr drei Freunde, und der Rest des Jahrgangs lud mich nur als eine Art Zubehör meiner besten Freundin N. ein, ohne die eine Party nicht vollständig gewesen wäre. Ich lästere nur deswegen nicht über die V., weil mir schon klar war, dass jegliche üble Nachrede allein mir und nicht der V. zum Nachteil gereichen würde.

Nach dem Abitur sah ich die V. nicht wieder. Ich hörte zwar irgendwann, dass sie nach Berlin gezogen war, auch, dass sie geheiratet hatte. Dass ihr Mann Amerikaner war, beruflich ziemlich erfolgreich. Dass sie ihr Studium erst auf Eis gelegt und dann abgebrochen hatte. Dass sie zwei Kinder bekam, einen Buben und ein Mädchen. In dieser Reihenfolge. Dass sie erst in Prenzlberg wohnte, und dann in Pankow ein Haus bezog. Gearbeitet hat sie, glaube ich, nie.

Eine großartige Gastgeberin sei sie, hörte ich, eine fabelhafte Köchin, und zuletzt im letzten Herbst  postete irgendwer von den ganz alten Freunden ein Bild auf facebook, stimmungsvoll unscharf, wo sie in einem weißen Etuikleid inmitten einer Gruppe von Leuten auf einer Veranda stand, ein Glas in der Hand. Ich glaube, sie lachte.

Es gehe ihr nicht gut, sagt der J.2 mir heute, und ich schaue auf. Dass es der V. einmal nicht gut gehen würde, scheint mir regelwidrig, irgendwie falsch. Die V. suche derzeit nach einem Job, fährt der J.2 fort, und ich schüttele den Kopf. Was sie denn machen wolle, frage ich den J.2, und er zuckt ratlos mit den Schultern. Sie könne ja nichts, die V., meint er, und dann murmelt er irgendetwas von Boutiquen oder Büros, die eine Dame fürs Protokoll oder so brauchen.

Nur noch zwei Jahre bleiben der V., höre ich, dann liefe der Unterhalt aus. Denn es ist heute so, dass eine geschiedene Frau – und eine solche, höre ich, sei seit kurzem die V. – nur noch Unterhalt bekommt, wenn die Kinder klein seien. Das treffe auf die Kinder der V. aber nicht mehr zu. Überdies sei es wohl so, dass der Bub wieder zurück in das Haus in Pankow wolle, wo nun der Exmann der V. mit seiner neuen Freundin wohne, die demnächst wohl seine zweite Frau sein werde, und dann werde der Unterhalt noch geringer. Der Exmann der V. habe ihr zwar das Ferienhaus der Familie gelassen. Das aber sei irgendwo im Spreewald und damit nichts für immer.

„Oje.“, sage ich und tatsächlich tut mir die V. leid. Wir sind 38, da findet sich vielleicht auch nicht so ganz einfach ein neuer Mann, der die Versorgung auf dem gewohntem Niveau übernimmt. Und auch ein neues Studium, ein neuer Beruf, ist mit 38 nicht mehr so leicht wie mit 28, zumal, wenn man nicht zu den Leuten gehört, denen Lernen überhaupt noch nie so besonders leicht gefallen ist. Vielleicht wird es der V., überlege ich mir, in Zukunft nie wieder so gut gehen wie bisher, und als ich darüber nachdenke, was das wohl bedeutet, im Volkspark auf dem Weg nach Hause, empöre ich mich dann doch ein bisschen, weil das Ganze mir auf einmal ungerecht erscheint, die kleine Wohnung in Moabit oder so, die ungewohnte Sparsamkeit. Selbst zu putzen, Überweisungen von zu Hause und Verabredungen absagen, weil das Geld nicht mehr reicht für die gewohnten Lokale.

Wieso ungerecht, frage ich mich dann, auf dem Weg die Hufelandstraße hinab nach Hause, und finde keine Antwort. Mit Leistung oder Verdienst hat das doch nichts zu tun. Nur damit, taste ich mich vor, dass es vielleicht doch ein Los gibt, das uns allen fallen soll, und das für die V. etwas anderes vorzusehen schien als das, was nun vielleicht folgt.

(Aber vielleicht ist das alles Käse.)

Sprich nicht von Eule!

Um acht klingelte der Wecker. Um viertel nach acht schreckte ich hoch, um halb neun war ich geduscht. Zwischen halb neun und neun stopfte ich alles, was noch im Badezimmer war, in unsere Kulturbeutel, fütterte den ziemlich verschlafenen F. schnell mit Milch und Brioche, während der J. das Reisebett zusammenklappte, und dann klingelte die Vermieterin. Ein paar Höflichkeiten, die Kaution, Versicherungen unserer Wiederkehr, dann bestellte ihr Sohn uns ein Taxi, und wir fuhren ab, von Menton nach Nizza. Links von uns glänzte und glitzerte sehr blau das Meer. Über den Lufthansaflug will ich schweigen.

In Tegel schnarrte dann das Handy. „You forgot an owl cushion.“, schrieb die Vermieterin, und erschrocken zeigte ich die SMS wortlos dem J. Der blies ratlos die Backen auf. Au Backe: Eule. Wir hatten Eule vergessen. Ausgerechnet Eule, das Einzelstück. Ein Patchworkkissen. Die Prämie aus der fabelhaften buchbox, die es für fünf volle Stempelkarten gab, jede Stempelkarte wiederum für 100 Euro Einkäufe, die inzwischen ziemlich schnell zusammenkommen, weil wir seit der Geburt des F. viel Zeit zu Hause verbringen und lesen, was immerhin zumindest aufkommensneutral ist, weil wir dafür weniger Geld für Nachtleben verschwenden.

„Can you send it to Berlin?“, flehte ich die Vermieterin an. Sie werde uns Eule heute noch schicken, versprach diese, und ich bedankte mich so überschwenglich, wie es gerade noch in eine SMS passt. Dann bestiegen wir ein Taxi, fuhren heim und erwähnten Eule mit keinem Wort. Als der F. abends nach Eule fragte, versicherte ich ihm nur, sie sei noch in Urlaub. Eulen bräuchten nämlich mehr Urlaub als Rechtsanwälte, und deswegen kehre Eule erst nächste Woche oder so von der Côte d’Azur wieder heim. Als der F. auch ohne Eule irgendwann einschlief, fiel ich vor Dankbarkeit und Erleichterung fast auf die Knie. Ich hatte mich schon zehn Nächte oder mehr – abhängig von der französischen Post – mit einem verzweifelt weinenden F. im Elternbett gesehen.

Leider hielt des F. Gelassenheit nur bedingt an. Im Tierpark am 3. Oktober etwa verzog sich vor einem Gehege sein Gesicht zu einer jämmerlichen Grimasse. „Eule!“, hing auf einmal eine Träne an der linken Backe. Auch bei Durchsicht mancher Bücher erinnerte er sich bisweilen an das vermisste Tier und begann ein wenig zu jammern. Ich nahm die Bücher dann immer schnell weg oder blätterte um. Selbst zu Besuch bei den Eltern des J. gestern und heute erinnerte er sich auf einmal an Eule, als nämlich eine kleine Ton- und Stroheule auf einmal im Bücherregal auftauchte, die ich dann schnell hinter eine Bücherreihe stellen musste.

Am Freitag endlich fand der J. ein Benachrichtigungszettelchen von DHL im Briefkasten vor. Ein Paket sei bei den Nachbarn abgegeben worden. Ich habe nun ausnahmsweise einmal nichts bestellt. Es kann eigentlich nur Eule sein. Dann aber die Ernüchterung: Die Nachbarn sind in Urlaub. Das Paket liegt aber freundlicherweise jetzt bei anderen Nachbarn, die hoffentlich nicht ebenfalls in Urlaub, sondern nur heute abend zufällig nicht da sind, und mir morgen Eule in die Hand drücken. Im nächsten Urlaub tackere ich sie da vielleicht am besten fest.

Man wundert sich

Man wundert sich. Man wundert sich sehr. Und ich wundere mich auch.

Am meisten wundere ich mich, dass andere Leute offenbar nur Menschen kennen, die denken wie sie selbst. Wie machen die das? Ich schätze mal, die meisten meiner engen Freunde wählen grün, weil sie – wie ich auch – ökologische Themen wichtig finden und gesellschaftspolitisch die Interessen von Frauen, Migranten oder Kindern aus kleinen Verhältnissen besonders verbesserungsbedürftig und -würdig finden. Ich kenne aber auch gar nicht so wenig Leute, die liberal oder konservativ wählen oder sogar Mitglied einer bürgerlichen Partei geworden sind. Ich weiß gar nicht, was man macht, um solche Bekanntschaften zu vermeiden. Man kommt doch irgendwo her. Mein ältester Freund und Tanzstundenpartner etwa ist Mitglied der FDP. Der wohnt heute einen Kilometer entfernt von mir ebenfalls in Berlin und arbeitet für eine Unternehmensberatung. Mein Tischherr vom Abiball ist der CSU beigetreten. Notar in Oberfranken. Und mein Schulschwarm ist Professor in Süddeutschland, alter Herr einer katholischen Verbindung. Mitglied einer Vertriebenenorganisation, Berater der unsäglichen Preussischen Treuhand, die Pommern wiederhaben will. Ich will gar nicht wissen, was der letzten Sonntag gewählt hat.  Dass ich als Berliner Juristin viele Juristen kenne, die sicherlich CDU gewählt haben oder teilweise auch direkt im Berliner Betrieb fürs bürgerliche Parteienspektrum arbeiten, versteht sich vermutlich von selbst.

Anders als Frau Nuf meint, sind die meisten meiner konservativen Freunde und Bekannte alles andere als unaufgeklärt. Das sind zum Teil sehr kluge, sehr illusionslose Menschen, die nicht über weniger kritisches Bewusstsein verfügen als Linke oder Linksliberale. Sie finden nur andere Fragen wichtig. Dass die CDU in der Spähaffäre keine gute Figur gemacht hat, sehen die meisten bürgerlich Konservativen genauso. Ich kenne auch niemanden, der das Betreuungsgeld wirklich toll fand. Auch die Wählerin der CDU ist in der Regel – wie etwa eine gute Freundin von mir, die für die Fraktion arbeitet – eine (zumindest in Teilzeit) berufstätige Mutter mit mehr Interesse an der Ausstattung der Kita (nicht: am kostenlosen Kitaplatz) als an 100 Euro fürs Sparschwein. Was meine Bekannten mit CDU oder FDP-Parteibuch aber vom Grün- oder gar Links- oder Piratenwähler unterscheidet: Andere Themen sind ihnen deutlich wichtiger.

Zum einen hätte, so meint man auf dieser Seite des politischen Spektrums, die CDU nicht viel falsch gemacht. Es geht der Bundesrepublik – und damit auch den meisten Menschen, die hier wohnen – besser als anderen EU-Mitgliedstaaten. Die Finanz- und Europapolitik gilt als verlässlich und bewährt. Das ist wichtig, wenn man ein bißchen Vermögen hat. Und in diesem Punkt traut man der SPD nicht so recht über den Weg. Zum zweiten misstraut man Rot-Grün in Sachen Wirtschafts- und Sozialpolitik. In vieler Augen war da etwas sehr viel von Wohltaten zugunsten von Leuten die Rede, die man auf dieser Seite des politischen Spektrums nicht schätzt. Zum dritten subsumieren viele Menschen unter „Freiheit“ viel weniger die Freiheit, nicht überwacht zu werden, sondern viel eher die Freiheit, einzustellen, wen man will (also ohne Quote) oder zu wirtschaften, wie man will (also ohne Mietpreisrestriktionen bei Neuvermietungen oder strengere Umweltauflagen). Insofern meine ich: Auch wenn der bei wirres oder Frau Nuf zitierte Bauer aus der Rhön noch so gut aufgeklärt würde, würde er vermutlich immer noch eher die Abbildung seines Hauses bei google dulden als die Abschaffung des Ehegattensplittings oder die Erhöhung des Spitzensteuersatzes, der in der Bundesrepublik ja schon bei verhältnismäßig übersichtlichen Einkommen greift.

Hinzu kommt noch etwas anderes. Es gibt in der Bundesrepublik bis heute recht klar voneinander abgegrenzte Milieus. Wir verkörpern eins. Die großstädtischen, verhältnismäßig gebildeten und relativ gut verdienenden Menschen mittleren Alters. Wir halten uns für das Leitmilieu, weil die Leitmedien von Menschen geschrieben werden, die uns relativ ähnlich sind. Der J. und ich merken das immer wieder, wenn wir die ZEIT lesen und vor allem im Magazin exakt unser Berlin auftaucht. Unsere Cafés, die Restaurants, die Ausstellungen, die Spielplätze, auf denen der F. spielt, Gegenstände, die wir kaufen, Gewohnheiten, die wir haben. Wir sind aber nicht Deutschland. Es gibt zum einen die kleinen Leute. Um die wollen sich die linken Parteien kümmern. Es gibt zum anderen aber auch die überkommenen bürgerlichen Milieus. Den Hals-Nasen-Ohrenarzt in Mettmann, der jeden Samstag Tennis spielt. Die geschiedene Gymnasiallehrerin in Verden. Den Unternehmer aus Rastatt, der Gartenmöbel fertigt und im Amateurquartett Bratsche spielt. Den Abteilungsleiter der Stadtwerke in Andernach. Die waren einmal das Leitmilieu. Zumindest fühlten sie sich so. Die alte Republik, die Bonner Republik, wurde von diesen Leuten getragen. In den Romanen dieser Jahre der Walser, Grass und Frisch tauchten diese Leute auf, ihre Befindlichkeiten, ihre Wünsche, ihre ganze Welt. In den letzten zwanzig Jahren hat dieses Milieu einen empfindlichen Bedeutungsverlust durchgemacht. Das Zentrum ist jetzt woanders.

Es ist nicht unverständlich, dass dieser Bedeutungsverlust die Leute schmerzt. Wer ist schon gern auf einmal provinziell und – zumindest in der medialen Wiederspiegelung – ein bisschen lächerlich. Auch deswegen gibt es eine breite Strömung, die an das Bestehende, das Alte, die untergegangene Bonner  Republik anknüpft und die CDU wählt, weil sie ihr – trotz aller Brüche – am ehesten die Kontinuität ihrer Welt zu verkörpern scheint. Das ist nicht verwunderlich. Und wenn es den anderen Parteien nicht gelingt, mit anderen Themen und anderen Personen diesem Marginalisierungsgefühl abzuhelfen, dann wird man sich vielleicht noch ziemlich oft wundern.

Kennste ein Kind, kennste alle?

Sie, meine Damen und Herren, sind vermutlich alle ziemlich unterschiedlich. Ich zum Beispiel komme mit sechs Stunden Schlaf aus. Ich kenne aber Leute, die schlafen Nacht für Nacht acht. Ich kann auch überall schlafen, auch wenn da Presslufthämmer betrieben werden oder Leute ganz laut schnarchen. Ich esse morgens nichts, andere haben nach sieben keinen Hunger mehr, na, und so weiter und so fort. Nur bei Kindern, da sollen auf einmal alle gleich gestrickt sein und gleich funktionieren.

Uns haben etwa, als der F. ganz klein war, alle gesagt, Kinder bräuchten regelmäßige Schlafenszeiten und müssten immer ganz gleich essen, singen, spielen und so weiter. Das sei zwar höllisch unbequem. Da müsse man aber durch. Andernfalls bekämen die Kinder Schlafstörungen.

Ich kenne diverse Eltern, die das eisern durchziehen. Der Koordinationsaufwand erscheint zumindest mir enorm. Da wird dann schon mal um halb sieben panisch ein Picknick abgebrochen und nach Hause gerannt. Ich kenne aber auch Eltern, die nie zu einem halbwegs regelmäßigen Tagesablauf gefunden haben. Wir sind zum Beispiel solche Leute. Und siehe da: Es klappt auch. Der F. isst manchmal um zwölf, manchmal um eins. Bisweilen geht er mit uns bis elf Uhr abends essen und schläft dann am nächsten Morgen bis zehn. Sein Schlaf- oder Essverhalten generell leidet darunter aber nicht im Geringsten. Im Gegenteil, der F. ist ein erstklassiger Schläfer und Esser. Das heisst aber nicht, dass die anderen Eltern spinnen. Das heisst vermutlich nur, dass ihre Kinder anders sind als der F.

Genauso beim Essen. Essen und Kinder ist ja ohnehin so eine etwas belastete Sache. Setzen Sie sich mal auf einen Prenzlberger Spielplatz und füttern ihr Kind mit einem Stück Schokolade. Sie werden schon sehen. Immer schießt irgendwo eine Mutter aus dem Unterholz, die zu berichten weiß, dass Kinder, die Zucker essen, alle hyperaktiv werden. Auch hier weiß ich aber: Für den F. stimmt das nicht. Der isst erstens viel lieber Schinken. Und zweitens hat ein Stück Kuchen auf ihn keinerlei aktivitätssteigernde Wirkung. Der F. ist aktiv, wenn es ihm passt. Und wenn nicht, dann wirkt auch ein Sahnebaiser keine Wunder. Gleichzeitig bin ich überzeugt: Es wird schon irgendwo stimmen, das mit dem Zucker. Bei anderen Kindern. Denn die anderen Eltern denken sich das vermutlich nicht aus. Die werden ihren Nachwuchs ebenso kennen wie ich meinen F.

Erst recht schwierig wird es bei den gesellschaftlich doch schon eher neuralgischen Punkten. Haben Sie schon mal einer überzeugten Hausfrau zugehört? Danach werden alle Kinder, die mit eins in eine Krippe „abgeschoben“ werden, um dort „verwahrt“ zu werden, einen fetten Hau und können sich eigentlich gleich beim Therapeuten melden. Diese Mütter haben auch immer ein Beispiel parat. Ich will nun nicht darüber spekulieren, in welchem Maße hier persönliche Lebensvorstellungen verteidigt werden. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es das abschreckende Beispiel wirklich gibt. Es existieren vermutlich wirklich Kinder, die Krippen nicht mögen und nicht vertragen, weil sie nicht so sonderlich gesellig sind. Es arbeitet schließlich auch nicht jeder Erwachsene gern mit Kollegen. Ich kenne ausgesprochene Eigenbrötler, die sind eigentlich nur allein in einem Büro mit einer schweigenden Sekretärin richtig gut. Die waren bestimmt auch in Krippe, Kindergarten und Schule nicht so besonders zufrieden.

So zieht es sich durch alle Bereiche. Wie wird ein Kind trocken? Wie viel Strafe ist wirksam und ab wann wird man als Mutter zu gemein? Darf man vor seinen Kindern trinken, fluchen und über Dritte lästern? Ab wann gehen Kinder gern in Museen? Was essen Kinder eigentlich gern und wie viel? Wie viel Mediennutzung ist gut und verträglich, mit welchen Methoden und wann lernen Kinder am besten lesen, Klavier spielen und allein zur Schule gehen?

Jeder weiß, Erwachsene sind unterschiedlich. Nur Kinder, meint man, die seien alle gleich. Offenbar ist die Annahme verbreitet, Menschen entwickeln sich erst in der Pubertät auseinander. Jeder, der einmal eine halbe Stunde auf dem Spielplatz gesessen und den Kindern zugesehen hat, weiß es besser. Insofern: Machen Sie sich locker. Es gibt keine ehernen Gesetze im Umgang mit Kindern, die es im Umgang mit Erwachsenen nicht auch gibt. Fair sein etwa. Verlässlich. Aus Überlegenheit keinen billigen Profit schlagen. Ansonsten gilt: Probieren Sie alles aus. Lassen Sie sich nichts einreden. Im Zweifelsfall ähnelt Ihr Kind nämlich nicht dem Kind der anderen Leute, die so schlechte Erfahrungen mit Zucker und wechselnden Schlafenszeiten gemacht haben. Sondern Ihnen. Wem sonst.

Jenseits der Stürme

Zehn Jahre ist das her. Vielleicht war’s das verschlossene Hotel Terminus gegenüber vom Bahnhof, vielleicht ein anderes auf dessen Rückseite und ebenso zu, aber an den Wänden waren lauter Plakate und Autogramme von einem Schlagersänger, den keiner von uns kannte. Das Zimmer war in einem räudigen Rosa gehalten, und wir schliefen unter Bildern von niedlichen, kleinen Schäfchen.

Was wir genau damals in Menton anstellten, weiß ich nicht mehr.

Diesmal jedenfalls wohnen wir nicht am Bahnhof. Eine Ferienwohnung haben wir gemietet, wie es sich für eine Kleinkindfamilie gehört, die tun das nämlich alle. Direkt in der Altstadt, an der Place St Roch, und wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, sieht man am Fenster das Meer.

Zwei Nächte hat der F. gebraucht, um sich zu gewöhnen. Seitdem steht er gelassen am Glastisch und puzzlet, als habe er nie irgendwo anders sein Holzpuzzle aufgebaut. In dem Kinderstuhl thront er wie in Berlin, lässt sich Würste schmecken, verlangt zu jeder Tages- und Nachtzeit Milch und Trockenfrüchte, und wackelt an meiner Hand durch die Fußgängerzone. Bisweilen wird er müde und setzt sich einfach hin. Dann muss man ihn tragen.

Ganze Tage lassen wir uns treiben. Warm ist es, freundlich die Côte d’azur. So blaues Wasser. Auf der Kaimauer photographieren wir die Stadt, setzen uns auf Plätze, schauen den alten Männern zu und kaufen Kuchen. Langsamer lebt die Stadt als unser Berlin. Am Abend kochen wir oder gehen essen. Das beste Essen: La Table d’oc.

Wir schlafen lange. Wir fahren herum. In Nizza gehen wir spazieren. In Antibes. Im Zug schaue ich lange über die Bucht und zeige dem F. die weißen Boote der Reichen. Auf dem langen Flur kullere ich den blauen Ball und singe Lieder. Abends lese ich und schaue durchs Fenster auf die Straße. Ich wüsste gar nicht, was man hier machte, wäre man abends frei.

Abenteuer mag es hier geben. Doch nicht für mich. Abgründe warten woanders auf andere Leute. Ich aber schlendere durch die sonnigen Tage, hell blinkt das Meer, und nichts beunruhigt die Sinne hier, jenseits der Stürme.

Sonntag ist Tortentag

Man hat’s nicht leicht. Wenn man selbst schon eher schwer ist, um so weniger. Heute etwa, da gehe ich morgens um zehn an den Kühlschrank, nehme die gestern Abend in den Kühlschrank geschobene Himbeertorte heraus, entnehme den Tortenring und habe den Salat. „J.!“, brülle ich ganz entsetzt, denn die Himbeer-Mascarpone-Creme fließt einfach so in die Breite. „Verdammte Sofortgelatine!“, fluche ich, obwohl ich eigentlich nicht mehr fluche, seit der F. mithört, und dann muss ich mich erstmal setzen. Ich bin nämlich nicht so besonders souverän in meiner Eigenschaft als Gastgeberin, und außerdem sieht schon die Schokoladentorte, die ich gestern gebacken habe, irgendwie komisch aus.

Kurz denke ich daran, die Torten einfach wegzuwerfen. Dann stelle ich sie aber doch wieder in den Kühlschrank, denn um die Zutaten wäre es irgendwie schade, und laufe zur Konditorei. 12 Stück nehme ich, und weil ich so traurig schaue, bekomme ich einen Schokololli geschenkt.

Als mein Besuch kommt, dränge ich allen die Schokotorte auf und esse selbst demonstrativ ein großes Stück mit Sahne. Ich löffele auch ein bisschen an der Mascarponecreme herum, trinke mehrere Gläser Sekt, und werde mit der Zeit geradezu gut gelaunt, wie das eben so ist, wenn man Sekt trinkt und Gäste hat. Ich habe natürlich auch großartige Gäste, deswegen ist das mit der guten Laune auch irgendwie klar. Zu alledem erzählt mir die J., dass sie jetzt doch nicht nach Thüringen zieht, sondern ihr neuer Freund zu ihr kommt. Ich freue mich und strahle und esse zur Feier des Tages Erdnussflips und Chips. Das Leben, so fühlt es sich an, ist fett, aber schön.

Abends dann bade ich den F. und schneide ihm die Haare. Etwas essen könnte ich noch, denke ich. Aber nichts Süßes, und so bestelle ich eine vietnamesische Suppe mit Wan Tan und Pak Choi und Eiernudeln und ganz viel Koriander sozusagen zum Ausgleich.