Bye, bye Lufthansa

Es sei, sagt der Mann hinter dem Air Berlin-Schalter in Tegel, leider ausgebucht, und schiebt bedauernd die Unterlippe nach vorn. Oje, sage ich und betrachte betrübt meinen kleinen Kerl. Bis Bangkok mit Kind auf dem Schoß wird kein Spaß. Der F. ist nämlich noch keine zwei und hat deswegen keinen eigenen Sitz. Immerhin kostet sein Flug deswegen aber auch nichts.

Dann aber sitzen wir doch bis Abu Dhabi in der ersten Reihe und der F. steht, sitzt oder liegt meistens vor uns. Da ist nämlich noch ein bisschen Platz, weil vor uns eben die Wand und keine zweite Reihe steht. Bis auf den fetten Kerl neben mir ist deswegen alles gut. Auf dem Anschlussflug mit Etihad von Abu Dhabi nach Bangkok bittet die Stewardess die Leute hinter uns, bei denen noch was frei ist, mit uns zu tauschen. Da sitzen wir dann, eine ganze Reihe für uns, und der F. schläft auf gleich zwei Sitzen zwischen uns in der Mitte. Auf dem letzten Teilstück nach Koh Samui mit Bangkok Airways bekommen wir einen eigenen Sitz für den F., stets erhält auch der F. etwas zu essen und sogar ein eigenes Baby Kit mit Spielzeug und Lätzchen, und ich schwöre mir im Stillen, nie wieder Lufthansa zu fliegen, die auf dem Weg von und nach Menton im September für den F. weder Platz noch ein eigenes Essen hatten, weil wir das ja auch nicht bezahlt hatten. Die Stewardess damals füllte schon das Trinkfläschchen sichtbar ungern. Kurz fällt mir noch der Bekannte ein, der letztes Jahr mal auf eine längere Reise Business mit der Lufthansa fliegen und seine zwei Kinder mitnehmen wollte. Die Reaktion bei der Frau hinterm Schalter sah Entsetzen wegen der armen Geschäftsreisenden schon ziemlich ähnlich.

Wenn Du meinst, dass du dir das leisten kannst, Lufthansa, verabschiede ich mich für vermutlich alle Zeiten. Neben mir torkelt der F. dem Gepäckband in Koh Samui entgegen, und todmüde lassen wir uns zum Imperial Boathouse fahren.

 

Groß

„Groß!“, strahlt mein bald zweijähriger F. und steigt auf jede Kiste und jede Bank. „Großes Bett!“, gibt er vor meiner Freundin C. mit seinem neuen Kinderbett ohne Gitter an. „Beba!“, zeigt er auf einen Säugling und grenzt sich sichtbar ab von den kleinen Kindern, die noch im Tragetuch sitzen und nicht so würdevoll durch den Volkspark traben wie er.

So fängt es an, denke ich. Und geht jetzt immer so weiter. Groß will er sein, mein F., und wünscht sich ein Dreirad, ein Fahrrad, ein Auto. Groß will er sein, größer als der kleine M. oder der kleine E. aus der Kita. Bestimmt reicht er deswegen den Eltern so ernsthaft die Hand, wenn er sich verabschiedet, und zeigt mit sichtbarem Stolz, wie gut er puzzelt. Groß will er sein, und wird im nächsten Jahr bestimmt vorm Weihnachtsbaum stehen und ein Gedicht aufsagen oder etwas singen. Weil er groß sein möchte, will er allein Semmeln einholen, und dann bestimmt allein in die Kita. Vielleicht laufe ich ihm heimlich hinterher.

Weil er groß sein möchte, wird er in ganz, ganz wenigen Jahren schneller laufen, besser Klavier spielen oder Schachturniere gewinnen wollen und weinen, wenn nichts daraus wird. Weil er noch größer werden will, macht er vielleicht beim Bundeswettbewerb Mathematik mit. Oder ist schrecklich stolz auf seine Schulpreise in Griechisch und Latein. Ich sehe ihn, steigt er auf seine Kisten, schon heute manchmal in seiner Aula stehen, die ich mir vorstelle wie meine Aula. Links die Orgel und rechts an der Wand die Büsten irgendwelcher griechischen Feldherren und Philosophen.

Vielleicht treibt ihn der Wunsch nach Größe an die Spitze einer Bank, auf einen Lehrstuhl, ans Bundesverfassungsgericht oder auf ein Treppchen mit Medaillen um den Hals. Vielleicht aber wendet sich der Wunsch, größer zu sein, als er ist, gegen ihn, und er endet als ein frustrierter alter Mann, der bei der Welt Online menschenfeindliche Kommentare abgibt. Oder die Größe will legal nicht zu ihm finden, und ich suche ihm irgendwann einen guten Strafverteidiger und besuche ihn alle zwei Wochen am Freitag.

Irgendetwas aber wird der Wunsch nach Größe mit ihm machen, denke ich, wie bei uns allen. Keiner von uns kann die Füße stillhalten, nie reicht es, nie ist es genug, obwohl es speziell mir an nichts fehlt, und ich nicht reicher werden will, sondern nur – tja – größer im allerdiffusesten Sinne.

Du hättest es gemütlicher, stündest du nicht auf der Kiste, denke ich und strecke die Hand nach ihm aus. „Groß!“, schreit er, streckt die Händchen zum Himmel und denkt, ich zöge ihn aus Ungeduld so eilig von seinem Podest.

From Russia with Love

Wir sind ja alle Kleinstadtkinder. Wir sind irgendwann in den letzten 20 Jahren aus unseren westdeutschen Käffern nach Berlin gezogen, um Berliner zu werden. Umgekehrt ist Berlin natürlich auch ein bisschen  so geworden wie wir. Also so ein Ort, in dem Leute im Chor singen, sich gegenseitig fragen, was sie für den Weihnachtsmarkt in St. Immanuel mitbringen und neuen Nachbarn Kekse und Milch vorbeibringen. So ungefähr begannen auch die Beziehungen des K. zu den neuen Nachbarn, über die er relativ schnell berichtete, sie seien Russen, aber sehr nett.

Wir lachten alle über das „aber“ und vergaßen die neuen Nachbarn sofort. Erst Monate später tauchten die Russen von nebenan wieder in den Erzählungen des K. auf, denn diese hatten einen Sohn. Jener ist ungefähr im selben Alter wie der Sohn des K., also heute so circa sechs oder sieben, und zunächst freute sich der K., dass die Buben sich gut verstanden. Was für den schon eher etwas vorsichtigeren K. schwer ins Gewicht fiel: Endlich hatte sein Sohn jemanden zum Spielen, der besucht werden konnte, ohne dass das Haus verlassen und Straßen überquert werden müssen. Der K. lebt nämlich zwar schon seit über zehn Jahren in Berlin, hat aber nie aufgehört, sich vorm Großstadtverkehr ein wenig zu fürchten, selbst wenn es den am Arkonaplatz am Rande des Prenzlbergs eigentlich gar nicht gibt.

Nach einer Weile jedoch verdüsterte sich das Bild. Zwar war der kleine Russe von nebenan weiter ein häufiger Gast. Der K. sah sein Kommen aber nicht mehr mit der selben Sympathie, denn zwischenzeitlich hatten sich beide Kinder ein neues Hobby beigelegt. Sie spielen nun Schach. Das Problem an der Sache: Der Kleine von nebenan spielt viel besser – also viel, viel besser – als der Sohn des K. Er gewinnt deswegen praktisch immer. Zu alledem gewinnt er nicht dezent, sondern so, wie es eben die Art der Sechsjährigen ist: Er jubelt. Er reisst die Arme hoch. Neulich ist er zwei Runden um den Esstisch gelaufen und hat dabei eine Art Indianergeheul ausgestoßen. Zu allem Überfluss rühmt er sich seine Siege mit einer Strichliste.

Sinnvoll wäre es sicher, der Sohn des K. würde mit dem Nachbarskind schlicht nicht mehr Schach spielen. Oder zumindest aufhören, sich zu ärgern. Der Sohn tut nun aber weder das eine, noch das andere. Er spielt immer weiter, er verliert immer weiter und er ärgert sich jedesmal. Der K. ist machtlos.

Nun ärgert der K. sich schon über die stete Störung des Familienlebens, die entsteht, wenn jeder Besuch des Nachbarsjungen in Tränen endet. Der Tag ist dann jedesmal gelaufen. Außerdem entwickelt sein Sohn langsam so eine Art Fixierung, liest Schachbücher und übt mit einer Chess-App, die er seinen Vater auf das Familien-iPad herunterzuladen gezwungen hat. In der Zeit kann dann natürlich niemand anders ans iPad. Das alles würde der K. zwar noch verschmerzen. Was aber wirklich schmerzt: Der K. und seine Frau gehören zu denjenigen Menschen, die glauben, dass Kinder ausgesprochen zarte Pflänzchen und Frustrationserlebnisse für Kinderpsychen veheerend seien. Deswegen bejubeln sie mehr oder weniger alles, was der Junge so treibt, und tadeln ihn immer nur ganz vorsichtig, damit er keine Komplexe bekommt und später einmal komisch wird. Wie aber, fragt sich der K. nun, soll sich nun ein so grauenhaftes Frustrationserlebnis auswirken wie das stetige, hoffnungslose Verlieren im Schach gegen den kleinen Russen von nebenan. Möglicherweise, so glaubt der K. heute, wäre großstädtische Anonymität gegenüber speziell diesen Nachbarn doch die bessere Alternative gewesen. Aber wer kann das vorher schon wissen.

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Komm. Sie haben doch auch noch nicht alle Geschenke. Tante W. etwa. Für die fällt Ihnen nie etwas ein. Oder Ihr guter alter Freund R. Der ist so reich geworden, dass er alles schon hat. Und Ihr getreuer Gefährte sowieso. Was soll der denn mit noch einer Krawatte. Der hat doch eh nur einen Hals. Nein. Kaufen Sie etwas anderes. Kaufen Sie DEN EXOT Nr. 16. Den gibt es als Magazin oder auch als eBook.

Taufrisch. Extrem ansprechend gestaltet. Mit informativen, hochamüsanten Texten über alles Mögliche, u. a. vom liebenswürdigen Anselm Neft, Lino Wirag, Kirsten Fuchs und noch ganz vielen sehr begabten Leuten. Mich haben Sie aber auch was schreiben lassen. Ich bekämpfe das letzte Buch von Daniel Kehlmann.

DkhAaB

Mit 25 habe ich Singles immer beneidet wegen lustig und so. Mit 30 war ich selbst für ein knappes Jahr Single. Das war ungemein amüsant, wenigstens meistens, und als es sich so etwas totgelaufen hatte, das war so 2006, fielen der J. und ich uns wieder in die Arme und zogen sofort wieder zusammen.

Die eine oder andere Freundin – nennen wir die Freundin, um die es hier gehen soll, der Einfachheit halber D. – setzte das mehr oder weniger lustige Leben noch eine Weile fort. Die D. etwa verliebte sich hintereinander in einen ebenso außerordentlich klugen wie neurotischen Anwalt, einen bisexuellen Sportlehrer, einen fremden Mann aus der U-Bahn und einen älteren Herrn, der am Ende dann doch seine erwachsenen Töchter nicht mit einer verhältnismäßig jungen Stieftochter enttäuschen wollte. Zwischendurch, wenn sie weder besonders verliebt war noch besonders litt, fuhr sie mit Freundinnen in Urlaub und traf sich mit dem H.

Jahrelang war der H. irgendetwas zwischen einem schon eher platonischen Freund, einem leicht peinlichen Liebhaber und einer schlechten Gewohnheit. Der H. kam, wenn er gerufen wurde, sagte nie etwas Falsches, las die richtigen Bücher, haarte nicht, aß manierlich, konnte sogar kochen, und war so nett, dass die D. ihm sogar nachsah, dass er drei Zentimeter kleiner war als sie (zumindest in Schuhen), schrecklich schüttere Haare besaß, die irgendwann in mehr oder weniger keine Haare übergingen, und überhaupt eher etwas farblos wirkte. Außerdem war er Amtsrichter. Das ist unter Juristen ein als ganz besonders langweilig beleumdeter Beruf. Weil er aus Barmbek stammt – das ist ein Stadtteil von Hamburg, der wohl auch eher als ein bißchen mickerig gilt – hieß der H. unter den Freundinnen der D. lange Jahre dkhAaB, „der kleine hässliche Amtsrichter aus Barmbek“ also, vollständig ausgeschrieben, und genoss den Ruf einer kuriosen Marotte, ungefähr so, als hielte sich die D. in ihrer Küche einen Hamster. Oder ein Huhn.

Irgendwann aber letztes Jahr zog jemand die D. einmal mehr mit dkhAaB auf, und anders als sonst, fing sie nicht an zu lachen. „Jetzt lass doch den H. mal in Ruhe.“, hieß es, und auf dem Geburtstag der F., ich selbst war nicht dabei, kam sie ganz offiziell mit dem H., um mit diesem auch wieder zu verschwinden. Ein paar Monate später erschien sie bei der V. zum Babygucken, wieder gemeinsam mit dem H., und brachte ein gemeinsames Geschenk vorbei. Sogar auf Facebook heißt es inzwischen nicht mehr „Es ist kompliziert“, sondern da steht gar nichts.

Ende Oktober platzte dann die Bombe. Die D. habe eine Wohnung gekauft, hört man aus mir befreundeten Hamburger Kreisen, in Winterhude nämlich, und dort wohne sie nicht etwa allein, sondern incredibile dictu mit dem H. Die Hälfte der alten Freunde lachte. Die andere schwieg betreten vor sich hin.

Sogar die an sich wirklich romantische V. hat die Idee eines plötzlichen Gefühlssturms  als unwahrscheinlich verworfen. Die N. immerhin verteidigt den Trend zur Vernunftehe, die der romantischen Bindung die geringere Fallhöhe voraus sei, und der J.2 behauptet, am Ende sei es ja irgendwann auch eher sekundär, wen man heirate. Hauptsache, man gehe sich nicht allzu sehr auf den Geist. Gespannt wartet nun die Gemeinde der alten und neuen Freunde auf Hochzeitseinladungen, und es kursieren die ersten Vermutungen, dass statt der obligaten Rosen Usambaraveilchen und Geranien die mit Wachstuchdecken drapierten Tische zieren. Zu essen gibt es bestimmt Kartoffelsalat.

Aber vielleicht tun wir dkhAaB auch alle Unrecht.

Alt, grau und gebrechlich

Ich, wissen Sie, ich falle ja langsam auseinander. Letzten Samstag zum Beispiel, da saß ich mit dem J. und dem F. im Alt Wien um die Ecke, und auf einmal – schwupp – war diese Schraube weg, die man mir kürzlich in den Kiefer gedreht hatte, damit ich da mal einen Stiftzahn bekomme. Letzten Donnerstag – also nur drei Tage zuvor – war ich so erkältet, dass der HNO den eigentlich einheitlich geplanten Eingriff auf zwei Wochen aufgeteilt hat, und zu alledem hatte ich eine fiese Bindehautentzündung, die dazu geführt hat, dass ich wegen der mir Donnerstag früh verschriebenen Salbe tagelang kaum was gesehen habe und zu alledem auch noch meine 12 Jahre alte Brille tragen musste, die ich aufsetze, wenn ich will, dass alle Leute lachen.

Insgesamt ist die Entwicklung beunruhigend. Gott, ich habe letzte Woche drei Ärzte besucht. Nicht gerechnet die Hausärztin, die ich besuchen sollte und es nicht getan habe, weil ich so schrecklich erkältet bin, aber zu der ich so ungern gehe, weil sie Leute stundenlang warten lässt, um Hypnosen durchzuführen. Außerdem hat sie mir mehrfach esoterischen Killefit verschrieben, und ich habe das erst in der Apotheke an diesem komischen Streifen auf der Packung bemerkt, mit der die pharmazeutischen Unternehmen die Attrappen ihrer Waren kennzeichnen.

Wo aber, frage ich mich besorgt, soll das alles noch enden? Ich bin noch keine 40. Bei auch nur linearem Anstieg meiner Krankheitssymptomatik gegenüber dem Zustand in den vergangenen Jahren sitze ich schon nächstes Jahr nicht nur pro Woche bei drei, sondern bei sechs Ärzten, also sozusagen an jedem Wochentag und am Wochenende einmal ins Krankenhaus zum Notdienst. In drei Jahren brauche ich Arztpraxen quasi nicht mehr zu verlassen. Und in zehn Jahren liege ich dann irgendwo, und die Ärzte laufen rein und raus, weil ich gleichzeitig Schnupfen, Polypen, Schuppen, dicke Mandeln und eingewachsene Fußnägel habe.

Gelegentlich aber mache ich mir Sorgen. Also so richtige Sorgen. Denn möglicherweise ist das gar nicht einfach nur lästig. Möglicherweise ist das der Anfang vom Ende. Nicht so dramatisch mit Operationssälen und so. Mehr so tragikomisch mit Runzeln, Vergesslichkeit und Gicht. Vielleicht, sage ich mir und versuche, keine Grimassen zu ziehen, weil das so hässlich macht, ist das nun das Alter. Jetzt geht es nur noch bergab. Hilfe, denke ich. Darauf bin ich nicht eingerichtet. Keine Ahnung, wie man das so halbwegs mit Haltung hinter sich bringt. Und erst recht keine Ahnung, was man eigentlich den ganzen Tag macht, wenn man alt ist. Außer bei Ärzten herumzusitzen, natürlich.

Guten Morgen mit F.

Morgens. Dann klingelt bei uns der Wecker um 7:30. Sodann holen wir den F. aus seinem Zimmer zu uns, und dann dösen wir alle drei noch zehn, zwanzig Minuten dumpf vor uns hin. Wir hassen alle frühes Aufstehen und schlafen, wenn man uns lässt, also meistens am Wochenende, mindestens bis neun. Entgegen der Experten, die angeblich alles über Kinder wissen, gilt das auch für den F., bei dem Schlaf sowieso hoch im Kurs steht.

Ein strenges Regelwerk verlangt, dass ich irgendwann meist so gegen kurz vor acht den in der Mitte liegenden F. bitte, den geschätzten Gefährten auf meinen Kaffee anzusprechen. Der F. erhebt sich dann so halbwegs, blinzelt vor sich hin, fixiert den J. und klopft ihn dann mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter. „Kaffee!“, brüllt er dann. Die Gesetze wollen es, dass der J. sich dann schnaufend erhebt, Kaffee kocht und in der Tür hintergerufen bekommt: „Milch!“ Nie umgekehrt.

Gut, manchmal wäre es schon nett, der F. könnte auch mal allein singen, Klavier spielen oder in seinem Zimmer Bücher lesen. Immerhin reicht es inzwischen dazu, morgens neben mir und ohne meine direkte Mitwirkung Bücher durchzublättern, die meistens von Tieren handeln – entweder im Zoo oder auf dem Bauernhof – und dazu Tierstimmen zu imitieren. Ich sitze dann daneben, lese, also gerade Evelyn Waugh, danach den neuen Glavinic, während neben mir jemand inbrünstig „Muh!“, schreit. Und: „MäH! Mäh!“. Oder: „Torööööö!“. Ich habe mich aber daran gewöhnt. Mir macht das nichts. Bücher, die diese Kulisse nicht vertragen, lohnen sich eh nicht. Bisher ging auch alles, nur Lyrik stelle ich mir schwierig vor. Manchmal lese ich auch schon mal ein paar E-Mails, aber das soll man ja nicht, weil das ungesund sein soll. Menschen, die anfällig dafür sind, bekommen manchmal Burnout.

Während der F. und ich so langsam zu uns zu finden, duscht der J., zieht den F. an und macht Müsli. Ich hasse Müsli. Ich hasse Frühstück generell. Ich kann nicht vor elf essen, und dann sehe ich nicht ein, warum es nichts Besseres geben soll als Brot und Käse. Ich bin generell gegen kalte Mahlzeiten. Der F. schaufelt also als einziges Haushaltsmitglied Rosinenmüsli in seinen Mund, ich dusche und dann stehe ich ganz, ganz lange vor dem Schrank und überlege, was heute eigentlich passiert. Also Termine, gleich Kostüm, oder keine Termine, dann Rock und Oberteil. Ich trage keine Blusen, weil ich die nicht bügeln will, und war noch nie in Hose im Büro. Oder, warten Sie, doch. Einmal. 2007. Da hatte ich mir seine Kombi gekauft, blau von HUGO.

Während ich da so stehe, wandert der F. um mich herum. „Nackch! Nackch!“, ruft er und zeigt auf meinen Bauch. Dabei bin ich im eigentlichen Sinne gar nicht nackt. Ich habe Wäsche und Strumpfhosen an, aber so genau nimmt der F. es nicht, und ich habe mich dran gewöhnt. Irgendwann wird er damit aufhören, und wenn er das nächste Mal nach dem Aufstehen nackten Personen begegnet, wird er hoffentlich zu einem differenzierten Ausdruck seiner Wahrnehmung gefunden haben, ansonsten wird sein Sozialleben schwieriger, als man ihm das wünscht. Vorerst jedenfalls: „Nackch!“

Schließlich fahren wir los. Es nieselt, oder es könnte jeden Moment beginnen. Der Himmel sieht aus, als sei der liebe Gott eigentlich in Urlaub, und sein Vertreter ein misanthroper Stümper. Beim Bäcker gibt es vielleicht noch ein Rosinenbrötchen, auf dem Weg vielleicht noch zwei, drei Wortwechsel mit Bekannten, weil das hier eigentlich ein Dorf ist und sich alle zumindest vom Sehen kennen. Dann die Kita. Das Büro. Der Morgen ist beendet.

An die Ostsee

Wie leer Deutschland ist, denke ich auf dem Weg zur Ostsee und frage mich, wie die Deutschen jemals auf die Idee gekommen waren, Deutschland sei zu klein und bräuchte unbedingt Kolonien in Afrika oder am Ural. Rechts und links der Autobahn stehen diese kleinen, verkrüppelten Kiefern und schiefen Birken, die die Berliner schön finden, weil es hier ja sonst nichts gibt, was man schön finden kann, und zwischen dieser eher schütteren Landschaft fahren drei, vier Kraftfahrzeuge durch die Gegend. Wir auch. Wir fahren nach Heiligendamm.

Wir haben es ein paarmal mit anderen Unterkünften an der Ostsee versucht. Wir waren im Sommer in Zingst. Vor drei Jahren auf Usedom. In Zingst bedienten die langsamsten Kellner der Welt. Oder vielleicht stand in der Küche der langsamste Koch der Welt. Zum Frühstück gab es blöden Scheibenkäse und den Camembert, den die Mensa fritiert, wenn es da gebackenen Camembert gibt, und am Strand waren restlos alle anderen Leute tätowiert. Ich leiste mir gar nicht so viele Vorurteile, aber Leute mit Tätowierungen finde ich erst einmal sonderbar. Es gibt da durchaus Ausnahmen. Aber in dieser Massierung will ich nirgendwo sein, wo sich quasi jeder irgendwas Irres auf die Haut malen lässt. In Usedom dagegen war alles voller Rentner, also so diese beigejackerte Rentnersorte, und ordentlich essen kann man da auch nicht. Also Heiligendamm. Außerdem haben sie da gute Betten.

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Überhaupt ist es schön. Ich mag den Style, also dieses aufgeräumt-neoklassizistische Pastell. Ich habe mich mit dem Halb-Meer Ostsee abgefunden. Ich sitze gern in der einsamen Damensauna, weil ich mich in gemischte Saunen nicht mehr traue, seit ich denke, dass ich nicht mehr so aussehe, dass das keinen stört. Für Kinder ist es auch nett, gutes Essen, ein eigenes, ziemlich tolles Haus für Kinder zum Spielen und Basteln und so, und außerdem sind da dermaßen viele anderen Kinder, dass man sich auch ganz gut fühlt mit dem eigenen kleinen Kerl. Das ist nämlich andernorts öfters so eine etwas frustrierende Sache: Wo man selbst gern ist, sind Kinder nicht recht willkommen, und in diesen quietschbunten Höllen, die als Familienhotels deklariert werden, will und kann man sich nicht aufhalten. Wie das eigentlich die anderen Leute aushalten. Oder finden die knallbunte Comictiere vielleicht einfach schön?

Ein bisschen schade: Richtig voll war es wieder nicht. Gut, nun ist es November. Und die Anlage ist groß. Aber es war auch schon voller, selbst im März, glaube ich. Und öfters in den letzten Jahren. Mit Schaudern denke ich daran, dass es schnell vorbei sein könnte mit dem Refugium an der Ostsee, wie es ja erst kürzlich fast aus war in Heiligendamm. Fahrt hierhin, oh Ihr Berliner, schicke ich deswegen inständige Gebete an den Herrn der Küste. Fasst Euch ein Herz, setzt Euch ins Auto, spart die paar Kröten anderweitig ein und haut Euch in den Spa. Der ist nämlich richtig gut. Genießt das prächtige Frühstück, bei dem es nicht irgendwelchen minderwertigen Supermarktmist gibt, wie meistens an der Ostseeküste, sondern richtig gute Wurst und Fisch und Rohmilchkäse und sehr, sehr gute Eierspeisen, die richtig serviert werden für Leute wie den J. und mich, die Buffets eigentlich hassen. Überdies ist das Essen im Kurhaus richtig gut geworden, noch mal deutlich besser als früher, und die ganze Anlage sieht nicht mehr so steril und neu aus, sondern hat so ein wenig Patina, so eine leise, sachte beginnende Zerschlissenheit, die ich mag.

Schade, wenn es vorbei wäre. Deswegen: Fahren Sie. Es lohnt sich. Ich bin ganz sicher.

(Und ich bekomme kein Geld von denen, damit ich das behaupte.)

Das Drehen der Schraube

„Und nach drei Monaten kommen sie dann vorbei und wir legen das Implantat frei.“, sagt also der Zahnarzt irgendwann im Frühling. Dann verschiebe ich zweimal, weil ich einmal krank und einmal sehr beschäftigt bin. Schließlich stehe ich vorgestern Abend vor dem Tresen der Praxis.

„Sie bekommen gleich die Betäubung.“, tätschelt mir die Sprechstundenhilfe die Hand, weil ich hier als eine eigentlich unbehandelbare Zahnarztphobikerin gelte. Ich erstarre auf der Liege und kralle meine Nägel in meine linke Hand. Dann kommt die Spritze, zweimal. Es werde nicht schlimm, behauptet der Zahnarzt.

In Wirklichkeit wird es viel schlimmer. Der Zahnarzt kratzt, hackt, schabt in meinem Mund herum. Ich schlucke. „Die Zunge oben an den Gaumen!“, werde ich ermahnt, und bemühe mich, an etwa Schönes zu denken. Die See, denke ich. Mit dem F. Kuchen backen. Warme Haut. Federn. Pelz.

Dann aber holt mich ein grässliches Schaben in die Welt zurück. Ich schnaufe. Entsetzt reiße ich die Augen auf und kneife sie sofort wieder zu. Krachend knirscht mein linker Unterkiefer. „Alles in Ordnung.“, spricht man begütigend auf mich ein, und dann knirscht es weiter. Krack, macht mein Kiefer, und dann dreht sich ein Gegenstand – später erfahre ich, eine Art Schraube – in meinen Knochen.

Wieder und wieder dreht sich die Schraube. Jede Faser angespannt sitze ich da, stelle mir die lauteste Musik der Welt vor, um dieses Drehen und Krachen zu übertönen, das dauert, sich fortsetzt, gar nicht wieder aufhören will, und als ich wieder auf der Straße stehe, immer noch weiter schabt und kratzt. Seit fast zwei Tagen.