Das Schlüsseltascheninnenfutterding (und die Lösung)

Sie kennen das. Sie haben einen Haustürschlüssel. Und den für den Keller. Sie haben den Briefkastenschlüssel, den Schlüssel fürs Büro, den für die Wohnung ihrer besten Freundin, wo sie ab und zu dafür sorgen, dass die Katze nicht stirbt, und außerdem haben Sie noch – mehr so aus Nostalgie – den Haustürschlüssel ihrer Eltern. Man weiß ja nie.

Diesen Schlüsselbund haben Sie natürlich nicht in der Hosentasche. Sie sind ja eine Dame. Oder zumindest ein Mann, der Wert darauf legt, nicht total schiach auszusehen, weil drei Kilo Metall in einer Jackentasche mit der Folge einer gewissen Asymmetrie eigentlich jeden  aussehen lassen wie den Glöckner von Notre Dame. Sie haben den Schlüssel deswegen in der Tasche.

Eine Weile geht das so seinen Gang. Eines Tages aber greifen Sie in ihre Tasche und da ist nichts. Beziehungsweise: Da, wo gestern noch Stoff war, das Innenfutter nämlich, ist jetzt nichts mehr, sondern ein Loch, und dieses Loch hat der Schlüssel gerissen. Sie ärgern sich sehr, Sie denken kurz über ein Etui nach, aber weil die unvorstellbar hässlich sind, kaufen Sie keins. Da trifft es sich doch, wenn Ihnen eine Freundin erzählt, sie hätte einen Freund, und der hätte etwas designt. Gut sieht das aus, denken Sie. Nun braucht es nur noch Käufer.

Die Entspannungsmaschine

„Fühlen Sie sich wie im Siebten Himmel.“, lese ich auf der Homepage eines bekannten Berliner Spa, und für einen kurzen Moment denke ich ernsthaft darüber nach, am Samstag Vormittag nach Mitte zu fahren und mich mal so richtig zu erholen. Den Siebten Himmel habe ich, glaube ich, nach dieser Woche nämlich mal so richtig verdient. Ich fühle mich wie jemand, der mehrfach hintereinander am Schleudergang einer Waschmaschine als Unterhemd teilgenommen hat und habe bei jeder S-Bahnfahrt Angst, einzuschlafen und erst an der Endhaltestelle wieder aufzuwachen. Und zwar am nächsten Morgen.

Auf einen Fußwickel mit Lavendel und Rosenholz habe ich trotzdem keine Lust. Außerdem  müsste ich dann meine Füße vor Leuten entblößen, die als neuzeitliche Bademägde vermutlich sehr, sehr viel Wert auf eine gepflegte Erscheinung legen, und über den halb abgeblätterten Nagellack auf dem linken Zehennagel und meine eher schuppigen Füße entsetzt wären und den ganzen Tag darüber sprächen. Aus demselben Grund traue ich mich auch nicht zu einem Ganzkörperpeeling. Da müsste ich erst einmal … und dann –, na. Lassen wir das.

Vom Siebten Himmel bliebe da nicht viel übrig. Im Himmel denken die Leute nämlich nie an ihre Körper, weil sie keine mehr haben. Ich dagegen würde auf dieser Liege liegen, sphärische Musik, Wohlgerüche in Duftschälchen, eine sehr gepflegte Frau würde meinen Rücken massieren, und ich ziehe die ganze Zeit den Bauch ein und gräme mich, weil ich es morgens nur ausnahmsweise schaffe, mich einzucremen.

Aber selbst in perfektem Zustand macht mir das Eingewickelt-, Eingeölt- und Massiertwerden nur bedingt Spaß. Ich unterhalte mich nämlich ungern während solcher Aktionen. Fremde Leute strengen mich an, und Kosmetikerinnen haben bemerkenswert oft eine Tendenz ins Strapaziöse.

Von mir aus sollten also am Besten alle wahrnehmungslos schweigen. Dass man so keine entspannende und verschönernde Dienstleistung erhält, ist zwar klar. Da aber da, wo Gefahr droht, auch das Rettende wächst, kam mir erst kürzlich eine Idee: Ich will eine Maschine. Eine Entspannungsmaschine zum – von mir aus – öffentlichen Gebrauch.

Die Maschine wäre optimal von einem beruhigenden, nur leicht medizinisch anmutenden strahlendem Weiß. Sanft geschwungen, flach. Länglich, aber ohne an einen Sarg zu erinnern. Bevor man in die Maschine geht, würde man sich entkleiden, eine Art Lichtkanal betreten, und würde sodann mit Lasern umfassend abgetastet und ein elektronisches Modell berechnet. Weil der Laser so richtig supergut wäre, könnte er auch unterscheiden, wo die Oberfläche aus Hornhaut und wo aus normaler Haut bestände, und wenn er leise, aber sehr beruhigend fertig gerattert hätte, würde man sich in die Maschine begeben. Da läge man dann, machte die Augen zu und würde zunächst mit einem feinen, angenehm temperierten und wohlriechenden Nebel besprüht.

Anschließend kämen die Behandlungen. Man könnte das vorher einstellen, ebenso die Musik, Helligkeit und Düfte. Man würde massiert, eingeseift, abgeschliffen, na, all das eben, was in diesen Bädern eben so angeboten wird. Niemand würde sprechen. Niemand denkt laut oder leise außer dem Behandelten selbst.

Am Ende der Behandlung würde es langsam heller. Man hätte noch ein wenig Zeit, um wieder in der Welt mit ihren vielen Bewohnern und ihrem omnipräsenten Krach anzukommen. Dann zöge man sich wieder an. Vor der Tür würde man erst einmal blinzeln, weil es so hell ist, und die Massen an Leuten leicht irritiert ansehen. Ich war sehr weit weg, würde man sagen, und das wäre ausgesprochen wahr.

Außerdem habe ich jetzt sehr schöne Füße.

Der vegetarische Hund

Über ihren ältesten Bruder sprach meine Großmutter nicht so gern. Der zweite unterrichtete Alte Geschichte an irgendeiner Provinzuni, schrieb dicke Bücher zur Verherrlichung der Spartiaten und war damit ein Gegenstand familiären Stolzes. Der jüngste Bruder wurde Strafverteidiger, was jetzt immerhin noch als halbwegs redlicher Beruf gelten kann, auch wenn man da zwangsläufig mit schrecklichen Leuten zu tun bekommt. Nur der vergötterte Liebling der Urmama, der Onkel P., wurde sozusagen gar nichts, sondern brach ein Studium der Romanistik ab, zog zu Fuß durch Ungarn und Polen, photographierte dabei – so sagt man – nichts als Heuschober und tote Schafe und wurde schließlich eine Art Lehrer. Weil auch damals staatliche Schulen nur Leute nahmen, die fertig studiert hatten, heuerte er an einer Freien Schule an und unterrichtete dort Kunst und Deutsch.

An dieser Schule war aus irgendwelchen reformpädagogischen Gründen der Fleischverzehr verpönt. Der Onkel P., behauptete meine Großmutter, sei nun lebenslänglich für blödsinnige Ideen nur allzu leicht entflammbar gewesen, stellte also auch auf der Stelle das Fleischessen ein und magerte – so sagt man – in kürzester Zeit so fürchterlich ab, dass die Urmama fortwährend Pakete voll von Schokolade und Gebäck an das Internat gesandt habe, wo der Onkel P. seinem pädagogischen Wirken oblag.

Nun ist es eine Sache, wenn ein erwachsener Mann auf Fleisch verzichtet. Anders sieht die Sache aber aus, wenn dieser Mann sich einen Hund kauft und diesen Hund fortan mit Gemüseresten, Haferflocken und Kartoffelschalen ernährt, denn der Hund als solcher ist bekanntlich eine Art Hauswolf, und Wölfe, wie man weiß, fressen eigentlich Fleisch. Man war also zutiefst beunruhigt im elterlichen, recht tierlieben Hause, und schließlich fasste man einen Beschluss. Der nächstälteste Sohn wurde mit Geld ausgestattet, begab sich an die Wirkungsstätte des Vegetariers, vorgeblich zu einem Besuch, und während dieser unterrichtete, begab sich jener zum Sohn des Hausknechts und beauftragte ihn mit der wöchentlichen Fütterung des Tieres mit Knochen, Pansen, Rüsseln und Schweinefüßen gegen ein geringes Entgelt.

Nun, die Zeiten waren schlecht und wurden kaum besser. Der älteste Bruder ging an eine englische Uni, meine Großmutter zog mit meinem Großvater nach Zürich, weil es da eine Assistentenstelle für einen hoffnungsvollen, jungen Altphilologen gab, und der Vegetarier wurde eine Art Hauslehrer in Ungarn. Also nicht so in Budapest, sondern mehr so in der hinterletzten Puszta, wo echte Wölfe wohnen, Analphabeten hungrig um die Häuser streichen und Briefe vier Wochen dauern, wenn sie denn überhaupt ankommen und nicht vom betrunkenen Briefträger hinterm Schafstall vergraben werden.

Diverse Jahre verharrte der Onkel Pauli in seinem ungarischen Kaff und zog mit der Familie, deren Kinder er unterwies, einige Male um. Man verlor sich gewissermaßen so ein bisschen aus den Augen. Dann aber war seine Zöglinge sozusagen gebildet genug, der Onkel P. bestieg einen Zug Richtung Westen und stieg Tage später am Wohnorte meiner Großmutter wieder aus. An einem Abend also klingelte es an der Tür, man öffnete, ließ den Bruder und Schwager hinein, und war nicht wenig erstaunt, als in seinem Schlepptau sich ein Hund – der Hund – in die Küche schleppte. Meine Großmutter überschlug die Jahre. Der Hund musste mindestens 17 sein, was selbst für eine mittelgroße Promenadenmischung ein stolzes Alter bedeutet.

Der Vegetarismus sei das Geheimnis der Langlebigkeit seines Hundes, behauptete der Onkel P., und meine Großmutter sah meinen Großvater streng an, der manchmal im falschen Moment die Wahrheit sagte. Nie, behauptete der Onkel P., habe der Hund auch nur einen Fetzen Fleisch verzehrt, und verdanke diesem Umstand neben seiner blendenden Gesundheit auch sein freundliches und ausgeglichenes Wesen. Ein echter Fortschritt in der Hundehaltung sei ihm mit der Entwicklung des vegetarischen Hundehaltungskonzepts gelungen, das zudem ganz gut in die kümmerlichen Zeiten passe, und er werde über seinen Hund und dessen Nahrung ein Buch schreiben.

Man nickte freundlich. Irgendwann bezog mein Onkel P. wieder eine eigene Bleibe. Der Hund kam mit. Und nicht wenig erstaunt war die Familie, als der Onkel P. irgendwann bei einem anderen Familienmitglied aufkreuzte, um Obdach bat, weil er dortselbst auf einem Vegetarierkongress sprechen werde. Das Anschauungsobjekt, nämlich sein vegetarischer Hund, sei natürlich dabei.

Man hat es ihm nie gestanden.

Mit einem Taxi nach

Oh mein Gott, beschwöre ich den Allerhöchsten im Namen aller Berliner. Wir mögen ein bisschen anstrengend sein. Aber das haben wir nicht verdient. Diese Dunkelheit. Diese alles durchdringende, feuchte Kälte, die selbst geborene Optimisten nicht an fröhliche Schlittenfahrten, sondern an den Tod erinnert.

Zu alledem habe ich mich vom F. überreden lassen, ohne Wagen das Haus zu verlassen. Seit er letzte Woche zwei geworden ist, fühlt der F. sich nämlich „groß“ und hat es vor fünf Minuten oben im warmen Flur deswegen strikt abgelehnt, sich in die Karre zu setzen. Mir kommt das entgegen, denn auf dem Weg zur Kita gibt es eine Treppe.

Nun aber stehen wir auf der Straße und frieren wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern und sein von H. C. Andersen aus Schicklichkeitsgründen verschwiegenes nacktes Kind. Auf den Bäumen vor dem Haus krächzen Raben ihr düsteres „Nevermore“, bei dem sich hier jeder aussuchen darf, was sie wohl meinen, und die Passanten sehen alle so aus, als sei ihr Hobby gelebte Misanthropie. So auch der F., der neben mir steht in seinem Schneeanzug mit einem Mund wie ein Strich und einer beunruhigenden Falte zwischen den Brauen. „Wollen wir denn jetzt mal?“, greife ich nach seiner Hand, aber der F. schüttelt den Kopf. Sehr entschlossen steht er da auf der Ecke zwischen der Tür der Konditorei im Erdgeschoss und einer dick verschneiten Bank. „Wir müssen jetzt los.“, unterstreiche ich meine Entschlossenheit und zerre den F. ein paar Meter weiter. „Nein!“, kreischt der F. auf einmal auf, schaut mich herausfordernd an, wirft seinen rechten Handschuh energisch in den Schnee und brüllt:

„Taxi!“

Berliner Winter

„Kalt!“, brüllt der F., und ich stimme ihm von Herzen zu. Entfärbt, eisig und so unwirtlich wie eben möglich empfängt uns die Stadt morgens um halb acht mit einem schmutzig-grauen Himmel, und alle anderen Leute am Flughafen sehen so aus, als sei Freundlichkeit zwischenzeitlich mit einer hohen Steuer belegt worden oder ganz und gar verboten.

Bratäpfel, Schlittschuhfahren, Schneemänner, bete ich mir die angenehmen Seiten des Winters vor. Der Kamin in der June Bar, Rehrücken Baden-Baden, Lesen im Bett und Feuerzangenbowle. Erschöpft gebe ich auf. Es nützt alles nichts. Der Winter ist das Letzte. „Noch fast zwei Monate bis Frühlingsbeginn.“, raunze ich herum und weiche dem vorwurfsvollen Blick des F. aus, der gerade nicht recht nachvollziehen kann, wieso wir hier sind und nicht mehr am Meer.

„Wenn dir was Gutes am Winter einfällt, sag’s mir.“, wende ich mich an den J., aber der schaut nur gepeinigt von unseren Koffern auf und versucht weiter, ein Taxi mit Kindersitz und riesigem Kofferraum zu organisieren.

Wir sind wieder da.

Das Internet am Strand

Zehn Uhr morgens. Ich sitze am Strand. Im wippenden, fleckigen Schatten einer Kokospalme beuge ich mich über mein iPad und lese in der ZEIT, die ich seit Kurzem nicht mehr als einen dicken Stapel Papier geschickt bekomme, sondern auf dem iPad lese. Das ist toll so, denn endlich kann ich die ZEIT auch im Bett oder in der U 2 lesen oder eben auf Koh Samui am Strand.

Vor mir im Sand spielt der F. und gräbt unter ununterbrochenem Murmeln mehrere Löcher in den Sand. Dabei macht er laute, brummende Geräusche, weil er heute eine Maschine darstellt. Unweit von ihm sitzen noch mehrere andere Kinder am Strand, die alle irgendwie Löcher buddeln oder Erdhaufen aufschütten. Hinter ihnen lagern irgendwo ihre Mütter, die allerdings – Deutsche und Briten ausgenommen – alle schlanker sind als ich. Besonders die Russinnen fallen mir auf, die ich heftig um ihre Figur beneide. Zu alledem sind sie auch noch gut angezogen.

Auch die anderen Leute am Strand hantieren mit Tablets oder Telefonen. Ab und zu knipst jemand in der Gegend herum oder schwenkt sein Telefon quer über den Strand, um die fliegenden Händler mit ihren Kokosnüssen, die wippenden Palmen und die Wellen einzufangen. Das stellen die gleich bestimmt alles auf facebook, denke ich mir. Oder die haben alle auch ein Blog.

Natürlich bin auch ich auf irgendwelchen Bildern. So als Staffage. Vorn das Meer, hinten dicke Touristin, wie es sich gehört, und so lande ich dann auch in den facebook-Accounts  der schönen Russinnen oder Japanerinnen, die sich zudem unablässig gegenseitig und selbst ablichten. Vielleicht stellen sie sich, denke ich mir, sogar ein bisschen absichtlich vor die eher etwas pummeligeren Hotelgäste, damit ihre eigene Schlankheit noch mehr auffällt.

Ich bin aber nicht nur circa 20 Kilo schwerer als die dünnen Mütter. Ich trage, um niemanden zu belästigen, auch keinen Bikini, sondern einen großen, blauen Badeanzug, und wegen einer jüngst überstandenen Bindehautentzündung trage ich meine alte Brille. Mit einem Wort: Ich sehe schlimm aus.

An und für sich ist das natürlich egal. Mein Gott, ich bin 38 und habe Urlaub. Wie ich aussehe, ist deswegen eigentlich komplett egal. Hier kennt mich doch keiner. Doch die ganzen iPhones in den Händen der ganzen Leute machen mich doch etwas nervös. Denn bis jetzt mag die Gesichtserkennung bei Google und so noch nicht so besonders weit gediehen sein. Was aber, wenn in fünf Jahren die Technik so weit entwickelt ist, dass man bei Google nur „Modeste“ eingeben muss, und dann erscheinen alle Bilder aus den facebook-Alben völlig fremder Leute? Bilder, auf denen man mich sieht, wie ich mein iPad auf meine Speckrolle stütze? Oder Bilder, auf denen ich die Nase kraus ziehe, die Brille leicht verrutscht, und ich wirke, als hätte ich schweres kognitives Problem? Was werden meine Nachbarn sagen, was meine Mandanten? Werden die Leute, die mich eh nicht ausstehen können, die Bilder dann hohnlachend weiterverbreiten? Werden Schulkameraden des F. mich so sehen und ihn hänseln, weil ihre Mütter bildschön sind, seine aber aussieht wie Miss Piggy? Bekümmert ziehe ich mir mein Handtuch über den Bauch und schaue beschämt zu Boden.

Bilk

Nun, meine Damen und Herren, öffnet sich der Vorhang und gibt eine tropische Szenerie frei. Es ist nicht spät, so ungefähr 21.00 Uhr, aber stockdunkel und im Hintergrund rauscht das Meer, im Vordergrund sitzen sehr wenige Leute auf einer sehr großen Veranda ziemlich verloren auf Rattanmöbeln vor ihren Getränken. Vor einem dunkelblauen Himmel wogen die Silhouetten einiger Palmen tiefschwarz hin und her.

Ganz rechts außen sehen Sie ein Paar in mittleren Jahren ermattet auf zwei Sesseln sitzen.  Er trägt ein blaues Hemd zu seinen Khakis und trinkt ein Bier namens „Chang“. Auf dem Etikett sind zwei Elefanten abgebildet, die betrachtet er ab und zu versonnen. Sie dagegen sitzt bis in die letzte Faser gespannt vor ihrem Gin Fizz. Neben ihr liegt ihre Tasche mit ein paar Einkäufen vom Nachtmarkt, und beiden ist anzusehen, dass sie eigentlich ganz gern woanders wären. In ihrem Hausboot etwa und zwar flach auf dem Rücken liegend nach einer alles in allem ganz und gar überbordenden Mahlzeit aus wirklich allen Lebensmitteln, die auf dem Nachtmarkt von Choeng Mon ganz gut aussahen, oder am Strand auf ein paar verlassenen Liegen. Das wäre auch gut. Das Meer würde rauschen, und ansonsten wäre Ruhe.

Von Ruhe kann auf der Veranda keine Rede sein. Das Hotel hat nämlich zwei Musikanten angeheuert, die nun sehr allein auf der einsamen Veranda stehen und allabendlich ein Potpourri der größten Bar-Hits aller Zeiten singen. Das ist schon an sich eine etwas schauerliche Angelegenheit, wenn tatsächlich so gut wie niemand da ist, der dem Gesang zuhören würde, bekommt das Ganze aber zu allem Überfluss auch noch eine so leicht melancholische Schlagseite, die man insbesondere dann nicht so gern hat, wenn man zu viel gegessen hat wie unser Paar hinter seine Getränken.

Im selben Moment, in dem Sie, verehrtes Publikum, sich fragen, warum die beiden eigentlich nicht aufstehen und gehen, fällt Ihr Blick auf den leeren Raum zwischen Musikanten und der Verandabestuhlung. Dieser Raum ist nämlich gerade nicht leer. Hier steht, ach was: wackelt, wippt, hüpft und klatscht ein kleiner Kerl im Streifenshirt teils im Takt der Musik, teils einfach nur irgendwie und zeigt alle Anzeichen der Ekstase. „Bilk!“, brüllt er von Zeit zu Zeit. Das soll „Musik“ heißen, und zwar nicht irgendwie nur Geräusch, sondern sozusagen den Superlativ von Musik, also Musik ganz, ganz groß geschrieben, Rausch, Lust und Überwältigung in einem.

Den beiden Musikanten ist die Erleichterung anzusehen, dass zumindest irgendwer – und sei er auch nicht einmal zweijährig – ihre Tätigkeit würdigt. Die Kellner hinter der langen, geschwungenen Bar freuen sich ebenfalls, kneifen den Buben in seine auffallend runden Backen und streicheln ihm den Kopf. Unser Paar jedoch auf den Rattansesseln schaut sich von Zeit zu Zeit halb amüsiert, halb kopfschüttelnd an und versucht, sich den Verlockungen ihres Sohnes F. zu entziehen, der immer wieder versucht, seine Mutter Modeste am Handgelenk hinter sich her auf die Tanzfläche zu schleppen, um dort mit ihm zu klatschen, zu stampfen und laut und gemeinsam glücklich auszurufen: „BIlk!“

Statt dessen schleppt eine verständnislose Mutter eine halbe Stunde später ihren widerstrebenden Sohn F. ins Hausboot. „Nein! Komm! Bilk!“, hören Sie ihn noch schluchzen, dann aber senkt sich der Vorhang wieder und die Musikanten sind nun ganz allein.

Bücher am Strand

Ich bin ja eigentlich gegen eBooks. Ich will schon aus lauter Neugier sehen, was Leute lesen. Mich interessiert, ob der dicke Mann mit dem offenen Hemd auf der Liege ganz vorne am Strand vielleicht Jane Austen liest. Oder Bret Easton Ellis. Oder die strichdünne Frau mit der strengen Brille und den vier hässlichen Kindern wirklich Russin ist, wie ich vermute.

Hier im Hotel allerdings hält sich die Neugier in Grenzen. Völker- und geschlechterübergreifend lesen die anderen Gäste, die noch Papier in Händen halten, von morgens bis abends Krimis. Da wird es bei den elektronischen Lesern nicht anders aussehen. Kriminalromane sind, so scheint es, nämlich die Bücher derer, die ansonsten angeblich nie zum Lesen kommen, weil sie jeden Tag stundenlang fernsehen müssen.

Neben den Krimilesern gibt es noch ein paar vereinzelte Leserinnen von Liebesromanen, also der Sorte, bei denen man gleich sieht, dass es gut ausgeht. Sachbücher werden nur ganz vereinzelt gelesen, meist Biographien. Am ganzen Strand scheint es – zumindest soweit sich das mir erschließt – nur zwei markante Ausnahmen zu geben: Eine ältere Frau mit orangefarbenen Haaren und Hühnerhals liest Arthur Koestler. Und ein dicker, roter Kerl mit wahrhaft erschreckendem Haarwuchs auf Rücken und Schultern liest seit Tagen im Pschyrembel, und wenn ich noch ein paar Tage darüber nachgrübeln muss, warum er das tut, spreche ich ihn an. Vielleicht bekommt er dann aber auch einen Heidenschreck und kauft sich ein eBook.

(Und wir: Der J. liest „Der bleiche König“. Ich habe gerade E M Delafields „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ und „Dracula“ durch und mache jetzt wieder weiter bei Evelyn Waugh.)

Einfach mal durchatmen

Komisch, sage ich zum geschätzten Gefährten. So stressig, wie eine Frau Baum bei faz.net und eine Frau Voigt bei Spiegel Online schreiben, ist es bei uns irgendwie nicht. Es mag diese Eltern geben, die ständig unausgeschlafen beruflich abgehängt in schmutzigen Wohnungen sitzen, sich gegenseitig nur noch als überfordert erleben und sich in ihrer knappen Freizeit Selbstvorwürfe machen, dass sie Job, Haushalt, Partner und Kind nicht gerecht werden. So würde ich auch nicht leben wollen. So muss man – meine ich – aber auch nicht leben.

Zunächst: Es mag Gegenden geben, da gibt es keine Ganztagskita. In den Großstädten ist das aber anders. Ich zum Beispiel bin Berlinerin. Ich wohne mitten im Prenzlauer Berg und kenne einen Haufen Eltern. Für alle – uns eingeschlossen – war die Kitasuche zwar ein Riesending. Wir haben den F. auf 17 Wartelisten schreiben lassen und mit Anrufen, niedlichen Bildchen und stetigen Nachfragen um den schönsten Kitaplatz gekämpft. Wie aber alle – wirklich ausnahmslos alle – haben wir am Ende aber eine Kita gefunden. Unsere liegt rund 300 Meter entfernt am Ende der Straße. Der F. kann schon heute zu Fuß zur Kita laufen, und hat dabei manchmal viel Zeit zum Trödeln und manchmal keine. Also alles so wie im echten Leben. Morgens, wenn wir ihn bringen, treffen wir die anderen Eltern, die alle in den umliegenden Straßen wohnen. Die Kinder begrüßen sich, und die anderen Eltern erzählen ein bisschen, was sie so machen und was die Kinder so tun. Besonders gestresst hören sie sich nicht an. Ein schlechtes Gewissen, wie es in den Artikeln heisst, habe ich deswegen übrigens nicht. Der F. ist nämlich sehr gern in der Kita und sieht auf den über 1.000 Bildern, die wir zu Weihnachten von der Kita auf einer CD-ROM bekommen haben, auch ziemlich glücklich aus.

Wenn man eine Ganztagskita hat, kann man aber auch arbeiten. Klar, wer für sein verdammtes „Häuschen“ eine Stunde Arbeitsweg in Kauf nimmt, weil er sich das sonst nicht leisten kann, hat ein Problem. Man muss aber nicht  in einem Riesenschiff am Ende der Welt wohnen. Man kann auch gut mitten in der Stadt wohnen. Dann hat man meistens nicht so viel Platz, aber dafür viel mehr Zeit. Da muss man sich dann entscheiden, es sei denn, man ist ziemlich reich und kann auch in der Stadt 250 qm kaufen. Das muss man aber nicht. Wir wohnen auf vier Zimmern im Berliner Altbau, das ist eigentlich ziemlich schön. Ich glaube auch, dass dem F. dabei nichts abgeht. Am Ende der Straße ist ein Park, und die Kita hat eine großen Garten.

Wenn man jeden Tag arbeitet, macht man normalerweise auch Karriere. Wenn man das will. Und wenn man keine Karriere machen will oder kann, dann ändern die Kinder daran eigentlich nichts. Es mag noch die Chefs geben, für die Frauen mit Kind abgemeldet sind. Die Regel ist das aber nicht mehr. Man sollte allerdings nicht jede Extraaufgabe und jede Stunde über die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus unter Verweis auf sein Kind ablehnen. Modelle gibt es da viele. Ich kenne zum Beispiel ein Paar, da arbeitet jeder einen Tag pro Woche open end, also durchaus mal bis 21.00 Uhr oder später oder nutzt den langen Arbeitsabend, um Abendtermine zu absolvieren oder auch nur, um mit den Kollegen einen trinken zu gehen. Für das Kind zuständig ist dann der jeweils andere. Ein Abend pro Woche ist nun nicht so wahnsinnig viel. „Da kann ich nicht, aber wie wäre es Dienstag?“, ist aber gleich eine ganz andere Aussage als „Abends habe ich keine Zeit.“

Genauso Hausarbeit. Ich weiß nun nicht, wie Frau Voigt wohnt, in deren Augen Hausarbeit ein echtes Problem zu sein scheint. Wir machen da einfach nicht so viel. Wir haben einmal wöchentlich eine Putzfrau, kochen annähernd täglich tendenziell abwechselnd und ansonsten leben wir mit den Unvollkommenheiten unseres Haushalts. Wir backen also kein Brot, gießen unsere Blumen nur manchmal, und manchmal verfluchen wir einander, weil einer keine sauberen T-Shirts mehr hat oder so. Das finde ich aber in Ordnung. Genauso, wie ich es in Ordnung finde, dass der J. Dinge anders macht als ich. Dann haut es nämlich auch hin mit der halbwegs gerechten Haushaltsteilung: Man braucht eine gewisse Akzeptanz für den Umstand, dass der andere Teil der Familie Sachen anders regelt, andere Speisen kocht und anders aufräumt. Der J. etwa kann von selbst nur etwa zehn Gerichte und hat erst im letzten Jahr angefangen, aus Kochbüchern zu kochen. Das darf ich dann auch nicht kritisieren, wenn ich will, dass er auch weiterhin kocht und nicht immer nur ich. Ich bekomme deswegen zwar nicht immer das, was ich kochen würde, aber ich gewinne Zeit. Die kann ich dann etwa beim Malen mit dem F. oder beim Vorlesen oder schlicht allein in der Badewanne oder mit einem Buch verbringen, und eines Tages wird der J. ebenso gut oder besser (aber auf jeden Fall anders) kochen als ich. Das ist super, finde ich, und für den F. ist es bestimmt nett, von zwei Leuten jeweils ein bisschen anders lecker bekocht zu werden. Genauso ist es mit Babysittern, die gewährleisten, dass man auch mal als Paar vor die Tür kommt und sich statt über kaputte Staubsauger, böse Kollegen und Bindehautentzündungen im Kindergarten auch noch über Hamlet im DT, den neuen Film von den Coen Brüdern und das Essen im reinstoff unterhalten kann.

Vermutlich sind aber gar nicht die Kinder das Problem, sondern – das schreiben letztlich auch beide Autorinnen – der stetige Wunsch nach Optimierung, also der Herstellung eines Zustandes unrealistischer Perfektion. Dieser Wunsch ist aber schon seiner Natur nach nicht erfüllbar. Das zu realisieren ist allerdings nicht immer einfach, weil mit dem Abschied von der perfekten Mutter, Rechtsanwältin, Köchin, Aktivistin und Hobbygärtnerin mit dem perfekten After-Baby-Body natürlich auch Einschränkungen verbunden sind, die weh tun. Also ein Verzicht auf Geld, weil man eine Beförderung nicht mit aller Macht verfolgt. Oder auf gutes Aussehen, weil man Samstag morgen keine Lust auf die Kosmetikerin hat, sondern ausschläft. Oder es gibt regelmäßig immer mal wieder Kartoffelpüree aus der Tüte mit Würstchen aus dem Glas. Dann kann man sich entweder irgendwie asozial und schlecht fühlen oder satt und glücklich. Oder – und jetzt wird es für die meisten Leute hart  – man verzichtet notfalls auf die besten potentiell erreichbaren Noten der Kinder, weil man keine Zeit und keine Lust hat, die Hausaufgaben notfalls selbst zu machen. Ich bin beispielsweise wild entschlossen, für die Schulkarriere des F. keinen Finger zu rühren. Entweder haut das von selbst hin oder nicht. Dasselbe gilt für Instrumente, Sport etc.

Letztlich hat man damit immer eine Wahl. Man kann man sich die Latte hoch legen, und dann hat man Stress. Oder man lässt die Latten irgendwo in der Ecke liegen. Man setzt sich ungebürstet und mit einem gekauften Picknick vom Bäcker auf eine Wiese, spielt mit dem Ball, liest Geschichten vor und brüllt zwischendurch kurz mal „seid jetzt alle still!“, wenn das Handy klingelt und jemand im Büro was will. Abends geht man dann heim, kocht nur, wenn man Lust hat, küsst sich auf dem Sofa und hebt die Gläser vom Flohmarkt auf das schöne Leben. Mit Kind.

Schnipsel

Wenn mich nicht alles täuscht, sind die Thais in den letzten zehn Jahren dicker geworden. Ich aber auch. Das Verhältnis stimmt also wieder. Anders als damals, als ich Walross Referendarin in Bangkok war, stört es mich aber nicht mehr so.

So durchgängig gut wie in Asien schmeckt es mir nirgendwo sonst. Ich esse den ganzen Tag, morgens Nudelsuppe, mittags Pad Siiew und abends gegrillten Thunfisch. Dann eine ganze Tüte Seetang auf dem Sofa.

Wegen des F. haben sich unsere Urlaubstage extrem verkürzt. Wir schlafen immer noch lange, gehen aber meistens abends mit dem F. zu Bett. Der Tag dauert also von morgens um zehn bis abends um acht, so eine Art Lese- und Schlafkur. Gar nicht schlecht.

Am Pool und im Bett noch ein weiterer Nancy Mitford und die Frage, wieso die deutsche Unterhaltungsliteratur eigentlich so viel schlechter ist. Oder fließt die ganze mittelliterarische Energie in Krimis, die ich nicht lese?

Abends dann nach dem Essen über den Strand. Chong Moen Beach ist nahezu leer. Ein paar Spaziergänger, zwei Händler, die Feuerwerk und Laternen verkaufen. Das Meer und der Himmel in Abstufungen von Schwarz, die Sterne gestochen scharf. Irgendwo, Ahnungen und Schatten, die nächsten Inseln. Der F., wie er über den Strand läuft, beide Hände voll Sand, und dann auf dem Arm des J. nach oben zeigt. „Da Terne! Oben! Groß!“, freut er sich und jubelt, und für ein paar Minuten bin ich still und dankbar, dass mein Leben so ist, wie es ist, mit allen Wonnen der Gewöhnlichkeit.